| Jörg Weisenberger

Was ist eigentlich Graue Energie?

Grüne Energien sind in aller Munde, der Umbau hin zu einer ressourcenschonenden Bauweise durch die Reduktion des Energieaufwands längst im Gange. Doch welche Rolle spielt der Begriff der „Grauen Energie“ dabei?

Als „Graue Energie“ wird die Summe der Energie bezeichnet, die notwendig ist, um ein Gebäude zu errichten. Der Begriff umfasst dabei den gesamten Energieaufwand für das Gewinnen von Baumaterialien, für das Herstellen und Verarbeiten von Bauteilen, für den Transport und auch die Entsorgung von Hilfsmaterialien oder auch Verpackungen. Der Begriff gilt dabei nicht nur für die Bau- oder Immobilienbranche, sondern synonym auch für alle anderen Branchen, in denen Produkte arbeitsteilig hergestellt werden. 

Gesamte Lieferkette im Blick 

Ein Merkmal der „Grauen Energie“ ist, dass sie sich kaum vermeiden, höchstens reduzieren lässt. Viele Rohmaterialien werden in der globalisierten Welt importiert, weil sie sich an anderen Orten günstiger, einfacher herstellen lassen. Der Faktor Transport zum Beispiel, sicherlich ein gewichtiger Faktor für den Ausstoß von Emissionen, ist deshalb ein wichtiger Hebel für die Reduktion des Energiebedarfs von Gebäuden. Der Begriff der „Grauen Energie“ ist somit eher als ein hilfreiches Konzept zu verstehen, den Energiebedarf für den Bau eines Gebäudes allumfassend zu messen. 

Nimmt man beispielsweise alle Phasen eines Hausbaus genauer unter die Lupe, fällt auf, dass die meiste Energie während des Rohbaus aufgewendet wird. Nicht verwunderlich, ist hier doch der größte Material-, Maschinen- und Personaleinsatz nötig. So könnte die Vergabe von Aufträgen an lokale Bauunternehmen ebenso Emissionen reduzieren wie die Nutzung von regional verfügbaren Rohmaterialien. Dass für Gebäude immer mehr „Graue Energie“ notwendig ist, liegt nämlich zum Teil auch daran, dass immer mehr synthetische Materialien im Bau verwendet werden, die zudem häufig über weite Strecken transportiert werden müssen. 

Nachhaltigkeit soll Standard werden 

Doch schon jetzt gibt es nachhaltige Konzepte, die in der breiten Masse Anwendung finden könnten. Zum Standard haben sich Passiv-, Nullenergie- oder Niedrigenergiehäuser hierzulande allerdings noch nicht gemausert. 2019 wurden bundesweit gerade einmal 94 Passivhäuser genehmigt. Zwar ist Deutschland damit Passivhaus-Weltmeister, doch der „Grauen Energie“ rückt man damit nicht signifikant zu Leibe. Experten sehen hier großen Nachholbedarf – und zwar europaweit. Deshalb hat die EU-Kommission das Thema im Rahmen ihres Corona-Hilfsfonds zur Chefsache gemacht. Nachhaltiges, bewusstes Bauen soll gefördert und zum Standard in Europa werden. 

Hausbesitzer und solche, die es werden wollen, sollten sich also schon vor ihrem Projekt auch einmal mit der „Grauen Energie“ auseinandersetzen und prüfen, ob sich schon am Beginn der Lieferkette Einsparmöglichkeiten ergeben. Denn wenn die Energiekosten sinken, freut das nicht nur die Umwelt, sondern in der Regel auf lange Sicht auch den Geldbeutel. 

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