| Jörg Weisenberger

Ein Jahr Mieten­deckel – 3 Fakten zum Berliner Sonderweg

Der Berliner Mietendeckel erregt seit einem Jahr die Gemüter. Vor einem Jahr führte der Senat die Obergrenze für Mieten ein, um das Wohnen gerechter zu machen. Doch was ist von den hehren Zielen geblieben? Eine Analyse zeigt, wie sich der Immobilienmarkt der Hauptstadt seitdem entwickelt hat. 

Auch in unserem Blog war der Mietendeckel bereits mehrfach zum Thema geworden. Es dürfte nicht überraschen, dass die Immobilienbranche dem Berliner Experiment eher kritisch gegenübersteht. Doch auch ein neutraler Blick auf die Zahlen zeigt, dass das vermeintliche Wundermittel eher mehr Probleme schafft als löst. Ein Jahr Mietendeckel – und drei Fakten dazu, die auf einer Analyse des Immobilienportals Immoscout24 basieren: 

1. Die Angebotsmieten für relevante Objekte sind gesunken 

Immerhin ein zentrales Versprechen konnte der Mietendeckel einlösen: Die Angebotsmieten für die Wohnungen, die vom Mietendeckel erfasst werden, sind tatsächlich gesunken. Vergleicht man die Durchschnittsmieten von Januar 2020 und 2021 miteinander, reduzierte sich die Quadratmetermiete von 10,46 Euro auf 9,64 Euro um 82 Cent – also 7,8 Prozent. Wie auch bei der Zahl der angebotenen Wohnungen steht Berlin hier deutlich im Kontrast zum Rest der Republik. Allerdings betrifft dieser Effekt nicht alle Bezirke der Millionenstadt. 

2. Weniger Angebote in Berlin, mehr im Rest der Republik

Doch den sinkenden Mietpreisen steht ein drastischer Einbruch im Angebot gegenüber. Im Vergleich zum gleichen Monat des Vorjahres reduzierte sich im Januar 2021 die Zahl der angebotenen Wohnungen auf Immoscout24 um 19%. Betrachtet man nur das Segment der Wohnungen, die vom Mietendeckel erfasst werden, reduzierte sich das Angebot sogar um 30%. Weil die Zahlen in anderen deutschen Metropolen wie Stuttgart oder Frankfurt im gleichen Zeitraum bis zu 66% stiegen, scheinen hier weniger externe Effekte, wie z.B. die Pandemie, sondern der Mietendeckel eine tragende Rolle zu spielen. 

3. Weniger Objekte, mehr Interessenten 

Aufgrund der niedrigeren Mieten scheint der Mietendeckel auf den ersten Blick auch für Menschen mit niedrigerem Einkommen wieder ein zentrales Wohnen zu ermöglichen. Doch der Schein trügt: Denn die Zahl der Kontakte pro Wohnungsinserat hat sich durch das sinkende Angebot im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahr drastisch erhöht. Laut Immoscout24 kommen auf eine Wohnung nun durchschnittlich 214 Interessentinnen und Interessenten, eine Steigerung um 67 Prozent. Somit konkurrieren deutlich mehr Menschen um ein Objekt als noch im Vorjahr. 

Ein Jahr Mietendeckel, ein Jahr Diskussion um ein Instrument, dass augenscheinlich zwar die durchschnittliche Miete senkt, das Versprechen das Wohnen gerechter zu machen, insgesamt aber nicht einlösen kann. Im Gegenteil: Die radikale Verknappung des Angebots trifft vor allem die Menschen, denen der Mietendeckel ursprünglich zu Gute kommen sollte. Dabei braucht Berlin, wie viele boomende deutsche Großstädte, vor allem eins: Mehr Wohnraum.  

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Mietendeckel wird für diesen Sommer erwartet. 

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