| Jörg Weisenberger

Double Income – more flats?

Wie viel Geld kostet ein Kind, bis es auf eigenen Füßen steht? Niemand, der selbst Kinder hat, würde sein Elterndasein auf diese Frage reduzieren. Dennoch geistert das Thema immer wieder durch die Medien – nicht zuletzt, weil das Statistische Bundesamt regelmäßig aktuelle Daten liefert. Nach Angaben der Wiesbadener Zahlensammler belaufen sich die Ausgaben für Windeln, Nahrung, Bekleidung & Co. bis zum 18. Geburtstag auf rund 130.000 Euro.

Derartige Prognosen tragen kaum dazu bei, die Geburtenrate zu erhöhen. Eher im Gegenteil: Viele jüngere Paare stehen am Anfang ihres Berufslebens und wollen in ihrer Freizeit das Leben genießen. Zudem macht eine Frau, die zwar keinen Nachwuchs, dafür aber eine 100-Prozent-Stelle hat, im Beruf eher Karriere, als wenn sie ein paar Jahre nach der Geburt auf Teilzeitbasis wieder einsteigt. Dadurch winkt ihr auch eine höhere Rente. Angesichts dessen wird ein Kind eher als Hindernis wahrgenommen. Kein Wunder, dass viele mit dem ersten Baby noch warten oder ganz darauf verzichten. Mittlerweile bleiben hierzulande rund elf Prozent der Paare freiwillig kinderlos – Tendenz steigend.

Längst hat die Werbung diese so genannten DINKs („Double income, no kids“) entdeckt, sind sie doch überdurchschnittlich aufgeschlossen für Versicherungen, Reisen – und nicht zuletzt den Erwerb einer Immobilie. Auch im neuen Marktreport Rhein-Main des Finanzierungsvermittlers Hüttig & Rompf spielen DINKs eine wichtige Rolle. Die Baugeldexperten haben rund 1000 zwischen April 2018 und März 2019 vermittelte Finanzierungen unter die Lupe genommen – mit bemerkenswerten Ergebnissen. „Unter den Paaren, die in der Frankfurter City eine Eigentumswohnung kauften, waren zuletzt 62 Prozent Kinderlose“, erklärt Vorstand Ditmar Rompf. „Gegenüber dem Vorjahreszeitraum bedeutet das einen Anstieg von 12 Prozent.“ Die Auswahl der Fälle sei zwar nicht repräsentativ, lasse jedoch Rückschlüsse auf wichtige Trends zu.

Wer keine Kinder hat, hält sich nicht nur alle Optionen offen – er hat schlicht auch mehr Geld. Laut Marktreport verfügen rund 50 Prozent der DINKs über ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 5.000 Euro. Da häufig beide Partner in Vollzeit arbeiten und weder Windeln kaufen noch Klassenfahrten bezahlen müssen, bleibt unterm Strich mehr übrig als bei Eltern mit vergleichbarem Einkommen.

Auch deshalb können es sich offenbar immer mehr DINKs leisten, den Schritt zum DIMF zu vollziehen – eine leicht scherzhafte Abkürzung für: Double income, more flats. Ob es daran liegt, dass Immobilien eine Rendite versprechen, während Kinder als anstrengend gelten, ist nicht verbürgt. Noch scheint diese Entwicklung auf zentrumsnahe Quartiere größerer Städte begrenzt zu sein. Zum Vergleich: In der gesamten Metropolregion Rhein-Main, die sich im Westen bis nach Rheinland-Pfalz, im Süden bis nach Bayern erstreckt, liegt die Anzahl kinderloser Käufer von selbst genutztem Wohneigentum gerade einmal bei 43 Prozent.

Warum das so ist – auch darüber haben Hüttig & Rompf Erkenntnisse gewonnen. „Bei der Wahl einer Immobilie spielt neben Preis und Ausstattung zunehmend der Wunsch nach einem aktiven Leben im Alter eine Rolle“, erklärt Ditmar Rompf. „Gerade Kinderlose wollen heute schon die Weichen stellen, damit sie später nicht einsam sind.“ Für eine wachsende Zahl stehe deshalb eine Großstadt ganz oben auf der Wunschliste. Hier sei die Infrastruktur besser ausgebaut, zudem gebe es ein größeres Freizeitangebot.

Die Kehrseite dieser Entwicklungen: Familien finden in der Frankfurter City kaum noch bezahlbares Wohneigentum. Auch sie suchen vor allem im mittleren Marktsegment. Da jedoch oftmals nur ein Partner – meist der Mann – ein volles Einkommen erzielt, sind besonders nachgefragte Lagen für viele Familien inzwischen unerschwinglich. Eine Chance bieten aktuell noch Häuser und Wohnungen im Umland – auch wenn die Preise auch hier bereits angezogen haben.

„Es sieht so aus, als würden in unseren Innenstädten künftig eher Fitnessstudios und Kleinkunstbühnen benötigt als Spielplätze und Schulen“, lautet das Fazit von Finanzierungsexperte Ditmar Rompf. „Ich befürchte, dass wir statt eines lebendigen Miteinanders von Jung und Alt in vielen Quartieren bald geschlossene Gesellschaften gut situierter und kinderloser Paare sehen werden.“

All das hat seinen Preis: Nicht nur, dass die Preise in Geschäften, Restaurants und Kinos weiter steigen dürften – in Straßen, in denen immer seltener Kinderlachen und Spiellärm zu hören sind, könnte es bald auch sehr still werden.

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