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Innen­städte: Zurück ins Zentrum?

Die Zukunft der Städte wird nicht nur durch die Menschen geprägt, die dort wohnen und arbeiten, sondern auch durch den Umgang mit dem Wandel durch die Digitalisierung. Geschäftsmodelle der Nachkriegszeit haben es schwer – und so beginnt die Suche nach neuen Konzepten für die Konsumtempel von gestern.

Wer wissen will, wie die Zukunft der Städte aussehen könnte, muss nur nach Gelsenkirchen-Buer oder Oldenburg schauen. Denn wo früher Menschen in mehrstöckigen Kaufhäusern flanierten und danach lange Zeit der Leerstand regierte, hat man mit Kreativität und Mut neue Konzepte gefunden, die auch andere inspirieren dürften. Zumal viele Kommunen nach dem Rückzug der großen Einzelhandelsriesen aus den Fußgängerzonen vor der Mammutaufgabe stehen, die freigewordenen Flächen mit neuem Leben zu füllen. Revitalisierung nennen das Immobilien-Experten – und glauben an die Chancen der Einzelhandelskolosse.

Als der Kaufhauskonzern Hertie 2009 seine Häuser schloss, war auch in der Filiale in Gelsenkirchen-Buer die Trauer groß. Doch bald danach tat sich eine Gruppe aus lokalen Handwerkern, Kaufleuten, Unternehmern und Immobilienexperten zusammen, um aus dem imposanten Bau etwas Neues zu schaffen. Ausschlaggebend war nicht nur bloßes Investitionsinteresse, sondern auch die Tatsache, dass ein verfallendes Gebäude in bester Lage nicht gerade die beste Visitenkarte für das Ruhrgebietsviertel abgibt. Mit dem „Lindenkarree“ eröffnete knapp fünf Jahre später ein Bau, der den verschiedenen Bedürfnissen der Bürger des Viertels entgegenkommen will: Einzelhandel und Gastronomie im Erdgeschoss, Fitnesscenter und Stadtbibliothek in den mittleren, Seniorenwohnungen in den oberen Etagen. Eine rundum gelungene Mischung, die den Buerern, so scheint's, gefällt.

Die gleiche Wirkung erhofft man sich in Oldenburg auch von dem sprechend programmatisch „The Core“ – dem Kern – betitelten Bauprojekt. Dort baut ein aus Oldenburg stammender Investor ebenfalls eine geschlossene Hertie-Filiale um, an dem sich seit der Schließung schon einige Unternehmen versucht hatten. Mit einem neuen, frischen Konzept soll das 1959 errichtete Haus zu einer Art Begegnungsstätte werden, mit Markthalle, Büro- und Eventflächen, Co-Working-Space, Hotel und Fitnesscenter. Die große Palette an Angeboten soll dabei eine ebenso große Zahl an Menschen locken, die gute Lage am nördlichen Eingang der Innenstadt ihr übriges tun. Die Oldenburger halten trotz der Pandemie an der avisierten Eröffnung Anfang Januar fest. Und weisen damit symbolisch auch anderen Städten den Weg?

Keine Frage, die Konsumtempel der guten alten Bundesrepublik sind in vielen Städten ein Thema, an dem sich die Bürgerschaft reibt. Ihre Größe, aber auch die Zentrumslagen machen sie zu begehrten Objekten für Projektplaner – aber auch die Bürger, die immer häufiger ein gewichtiges Wort bei der Stadtplanung mitreden wollen. Dass die Gebäude für manche auch Erinnerungen an Kindheit oder Jugend bergen, mag erklären, warum die Diskussionen um diese Objekte häufig besonders emotional geführt werden, leichter werden sie dadurch nicht. Umso schöner, dass der Charakter der Kaufhäuser als „Zentrum im Zentrum“ über die Krise des Einzelhandels hinaus offensichtlich auch erhalten werden kann. Der vieldiskutierte Tod der Innenstädte scheint mit diesen neuen Nutzungskonzepten jedenfalls einmal mehr verschoben zu werden.

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